Interview

Ein Interview des Kabarettisten Kai-Magnus Sting mit Manuel Munzlinger anlässlich der Uraufführung der „Suite de Philharmonixx“ in Duisburg

Herr Munzlinger, ist Manuel Munzlinger ein Künstlername?

Nein, keineswegs, auf keinen Fall, definitiv nicht! Obwohl – ich bin Künstler und das ist mein Name… Also irgendwie doch. Eigentlich schon. Vielleicht ein bisschen…

Was machen Sie hauptberuflich?

Nix.

Wie alt sind Sie?

Zu meinem Erstaunen muss ich immer wieder feststellen, dass komischerweise das Geburtsjahr eines Komponisten von ganz besonderem Interesse zu sein scheint. Mein genaues Geburtsdatum ist im Grunde gar nicht gesichert, da meine Geburtsurkunde leider verloren gegangen ist. Meine Mutter war bei der Aufbewahrung behördlicher Dokumente etwas nachlässig. Also ich kann es nur so circa erahnen, oder sagen wir fühlen:
 Morgens fühle ich mich sehr alt. Allerdings ändert sich das nach dem ersten Kaffee. Beim Anblick einer entblößten weiblichen Brust erröte ich vorpubertär, beim Aufhängen meiner Socken fühle ich mich eher wie ein Vorkriegskind. Und wenn ich ehrlich bin: Etwas Schokolade oder Sex und ich fühl mich wie neu geboren. Ich glaube mich dunkel an die Fernsehbilder der ersten Mondlandung erinnern zu können. Vielleicht war es aber auch nur die Aufzeichnung bei der Sendung „Das war das 20. Jahrhundert“. Ich find’ es ja nicht so wichtig, aber sagen wir mal, geboren zwischen 1962 und 1975. Nur so als Richtwert. Aber als Sterbedatum kann man gerne schreiben: voraussichtlich 2069. Jedoch kann ich ihnen versichern: Mit meiner Musik hat das alles nichts zu tun.

Seit wann machen Sie Musik?

Also wenn man den Gerüchten Glauben schenken darf, erfolgte meine erste musikalische Betätigung bereits pränatal im Mutterleib. In Form von Trommeln, Treten und Schunkeln.

Seit wann komponieren Sie?

Das ging auch sehr früh los. Ich habe quasi schon in die Windeln komponiert.

Kann man davon leben?

Obwohl mein Körpergeruch nach einer durchzechten Nacht etwas anderes vermuten lässt: Ich lebe!

Gut leben?

Naja – „gut“ ist ein sehr relativer Begriff. Der Beruf des freischaffenden Musikers erfordert neben Hingabe und Leidenschaft ein solides und fundiertes Finanzwissen. So habe ich früh lernen müssen, dass die Darlehenshöhe optional mit der Liquidität des Provisionsverhältnisses aufgrund der Preissensibilität des Wiederanlagerabattes durch die Dividendenrendite des akkumulierten Insolvenzrisikos bei Beachtung des Steuervorteils im Konjunkturzyklus der mündelsicheren Diskontsekrete oder vielmehr der diskontierten Mündelgewinne jegliche Reserve-Rentabilität des Zinskostenüberhangs zu den Emissionsbedingungen des Emittenten rational amortisiert.

Was essen Sie freitags?

Himbeereis mit gekühltem Sauerkraut.

Wann kommt das Spätwerk?

Alle meine Werke sind Spätwerke. Ich komponiere hauptsächlich nachts.

Bereuen Sie Ihr Frühwerk?

Nö, ich war jung, ich brauchte das Geld.

Was werden Sie in fünf Jahren schreiben?

Einen Hartz-9-Antrag. Oder meine Dankesrede zur Verleihung des Pulitzerpreises.

Woher holen Sie Ihre Ideen?

Nun, ganz im Ernst, vielleicht gibt es für einen ernsthaft arbeitenden Komponisten geeignetere Vorbilder, doch der Künstler, der mich am meisten inspiriert, ist Loriot. Seine virtuose Art, mit Worten, Situationen und Gesten zu jonglieren und das Publikum auf kunstvolle Weise zu überraschen und anspruchsvoll zu unterhalten, fasziniert mich total. So eine Musik möchte ich gerne schreiben. Die Technik, einzelne Teile bis zur Absurdität neu zusammen zu setzen und Nebensächlichkeiten zu thematisieren, erinnert an eine klassische Durchführung von Mozart und ist auch heute wieder musikalisch möglich.
Dass in der modernen Musik Humor zu kurz kommt, liegt vielleicht schon in der Bezeichnung „ernste Musik“ begründet. Doch es ist längst überfällig, Musik zu schreiben, die dem ernsthaften Hörer ein Schmunzeln entlockt. Die unsinnige Trennung von E- und U-Musik ist dabei natürlich zu ignorieren. Meine Musik soll Spaß machen, unterhalten und den Wunsch des „noch mal Hörens“ hinterlassen. Unterhaltung heißt für mich, dem Zuhörer niemals die Gelegenheit des gedanklichen Abschweifens zu geben und ihn ständig zu kitzeln. In diesem Sinne ist Loriot mein musikalisches Vorbild.

Haben Sie noch andere Vorbilder?

Natürlich die Beatles, allen voran Paul McCartney. Aber auch Schostakowitsch, der frühe Heinz Rudolf Kunze, Jacques Loussier, Louis de Funes… Ich hätte gerne ein My des Selbstbewusstseins von Harald Schmidt.

Wann komponieren Sie?

Wenn nix im Fernsehen ist.

Wo komponieren Sie?

Am Schreibtisch. Vor mir in der Mitte der Computer. Rechts mein Keyboard. Links Rot- und Weißwein, Bier, Schokolade, Kekse, die aktuelle Fernsehzeitung, Zigaretten, eine Käseplatte, Unterwäsche einer Unbekannten, ein zu lüftender Schlafsack, Kontaktlinsenflüssigkeit, ein ausgestopfter Piranha, meine Steuererklärung für 1996, der Stadtplan von Sydney …

Wie lange schreiben Sie an einem Stück?

An manchen ein Leben lang. Andere Stücke sind schon fertig, bevor ich angefangen habe. Aber die sind dann wohl nicht von mir.

Was hältst Du eigentlich von dummen Fragen von Kabarettisten, Manuel?

Lieber Kai, meine Schmerzgrenze ist ausgesprochen flexibel. Mach nur so weiter, du Arsch.

Hat der sonntägliche Kirchgang Einfluss auf Ihr kompositorisches Werk?

Ich gestehe, nicht in die Kirche zu gehen. Mein Verhältnis zur Kirche wurde leider nachteilig geprägt: Meine Grundschulzeit habe ich auf einer katholischen Klosterschule verbringen müssen und ich habe meine erste und einzige Ohrfeige von einer Nonne bekommen: Schwester Magdalena hatte mich beim Religionschwänzen erwischt. In einer Klosterschule natürlich eine Todsünde! Als Oberschüler war ich dann Organist in der evangelischen Kirche einer Berliner Irrenanstalt, der Karl-Bonnhoeffer-Nervenklinik, genannt Bonny’s Ranch. Ich hab’ bei der Predigt oft überlegt, ob der Pfarrer ein Patient ist.

Beeinflussen die Jahreszeiten Sie und Ihre Musik?

Total. Ich habe eine ausgeprägte Regen- und Kälteallergie. Da ich nur fröhliche Musik schreiben kann, wenn ich deprimiert bin, ist der Herbst und Winter, aber auch Regentage im Frühling und Sommer meine kreativste Zeit.

Würden Sie anders komponieren, lebten Sie in einer anderen Stadt?

Ich glaube ja. Mein sehnlichster Wunsch ist es, demnächst wieder ins Ausland zu gehen. Ich habe einmal eine längere Zeit in Kalifornien und zweimal in Australien verbracht. Es gibt nichts, was mich mehr inspiriert.

Inwieweit hat die Fauna Einfluss auf Ihr Schaffen?

Häh? Fauna? War die nicht bei Big Brother?

Kann man schon von Schaffen sprechen oder ist hier noch mehr vom Erreichen die Rede?

Eine gute Frage. Aber wann erreicht man ein Schaffen? Und wann schafft man das Erreichen? Erschafft man sich ein Reich? Wird man reich davon? Wann reicht es? Mein Therapeut meinte neulich, dass meine neurotischen Mechanismen auf eine Kongruenz zur diversiven Symptombildung schließen lassen. Ich denke, am Ende bin ich immer der Flötenschlumpf. Wie war die Frage?

Welche Instrumente spielen Sie?

Ich habe Oboe studiert, mit Nebeninstrument Klavier. Außerdem spiele ich Oboe d’amore, Englischhorn, Musette (Piccolo-Oboe), Orgel, Gitarre, Tin-Whistle und ich hatte Unterricht in Schlagzeug, Trompete und Gesang.

Welches Instrument haben Sie als erstes erlernt?

Eindeutig meine Zunge. Ich habe stark gelispelt und bekam Sprechunterricht bei einem Logopäden. Später bekam ich eine Blockflöte geschenkt, bei der ich meine Vorliebe für hohe schrille Töne entdeckte. Lange Zeit vermutete ich, der von meinen Eltern befohlene Blockflötenunterricht erfolgte ausschließlich aus egoistischen Gründen. Erst sehr viel später erfuhr ich, dass ich ein Stipendium von unseren Nachbarn hatte.

Herr Munzlinger, wie sehen Sie die Rolle und Stellung der Blockflöte in der abendländischen Kammermusik?

Herr Sting, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.